Silvretta Skidurchquerung

Skitour durch eine wilde Bergregion in Vorarlberg (vier Tage)

Nur ein kleines Stück hinter der bekannten Skihochburg Ischgl beginnt ein unberührtes Skitourengebiet vom Feinsten um die Silvretta-Bielerhöhe. Abseits vom Trubel erstreckt sich hier eine naturbelassene Bergwelt mit zahlreichen lohnenden 3000er Gipfeln und gemütlichen Hütten. Mein Bruder Markus und ich erkundeten diesen imposanten Gebirgszug Anfang März im Rahmen einer 4-tägigen Skidurchquerung. In diesem Erlebnisbericht will ich euch mehr über dieses Abenteuer erzählen und euch nützliche Informationen geben, wenn ihr auch auf Skiern durch die Silvretta wollt. Der Artikel ist in Kooperation mit „Golm Silvretta Lünersee Tourismus“ entstanden. Mehr Informationen über die Region findet ihr hier:

Die Silvretta hat viele Skitouren zu bieten - hier der Aufstieg im oberen Teil des Jamtals.

Die Silvretta hat viele Skitouren zu bieten - hier der Aufstieg im oberen Teil des Jamtals.

Mit Bus und Bahn in die Silvretta

Wir haben kein Auto zur Verfügung, wollen aber von München aus trotzdem in ein hochalpines, abgelegenes Skitourengebiet. Keine einfache Sache. Bei unserer Recherche fällt unser Blick auf die Silvretta und tatsächlich ist sie mit den Öffentlichen gut zu erreichen. Um am nächsten Tag früher starten zu können, fahren wir mit dem Flixbus am Vorabend vom ZOB München nach Innsbruck und übernachten bei einer Freundin. In gut 2 Stunden geht es von dort am nächsten Morgen mit dem Zug nach Landeck und mit dem Bus zu unserem Ausgangspunkt in Galtür. Alternativ kann man auch von Partenen im Montafon mit Gondel und Tunnelbus zur Bielerhöhe hochfahren und die Tour von dort aus mit einer Überschreitung der Haagspitze zur Jamtalhütte starten.

Steile Rinnenabfahrt ins Jamtal

Galtür (1582m) – Jamtalhütte (2165m) – Gamsspitze (3114m)

Als wir um 9 Uhr morgens in Galtür ankommen, können wir schon fünf Meter von der Bushaltestelle unsere Skier anschnallen. Bei traumhaftem Wetter starten wir ins lange, flache Jamtal hinauf. Im Talboden am Bach entlang sind erstmal 10km zur Jamtalhütte zurückzulegen – zwar nicht allzu spannend, aber ein gutes Aufwärmprogramm. Auf der Hütte legen wir ein paar Sachen ab und entspannen kurz auf der Sonnenterasse, dann geht es aber auch schon weiter, denn wir haben noch Gipfelpläne.

Von hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Wir folgen dem Tal weiter aufwärts in einer wunderschön verschneiten Landschaft umringt von schwarzen Bergspitzen. Am Jamtalferner angekommen, drehen wir Richtung Osten. Abendessen gibt es nur um 17:45, also müssen wir uns etwas sputen. Wir spüren die ersten 1200 Höhenmeter jetzt in den Beinen und Markus, der noch nicht akklimatisiert ist, kämpft ein bisschen mit der Höhe. Schließlich errichten wir ein Skidepot und kraxeln die letzten Meter zu Fuß zum aussichtsreichen Gipfel der Gamsspitze. Von dort sehen wir nach Westen führend eine steile Rinne und entscheiden uns in dieser abzufahren – eine spannende, anspruchsvolle Variante. Danach schwingen wir in unberührtem Powder zur Hütte ab und finden uns um 17:46 mit rot glühenden Backen im Speisesaal ein, wo uns der Hüttenwirt mit einem kritischen „Um wie viel Uhr hamma g‘sagt?“ empfängt. Nach einer guten Stärkung fallen wir zufrieden ins Bett.

Ein sagenhafter Gipfelzacken

Jamtalhütte – Dreiländerspitze (3197m) – Wiesbadener Hütte (2443m)

Am nächsten Morgen brechen wir zunächst auf gleichem Wege zum Jamtalferner auf. Die Sonne scheint, aber es weht ein starker Wind, der den Schnee aufwirbelt. Dadurch entstehen leuchtende Schneeschleier in der Luft, durch die die umliegenden Felsgipfel mystisch hindurchschimmern. Diesmal wenden wir uns gen Westen und folgen dem Ferner dann südwärts nach oben. Durch starke Windböen kämpfen wir uns auf die Ochsenscharte hinauf.

Von dort geht es über recht steiles Gelände in steilen Spitzkehren die Westflanke der Dreiländerspitze hoch. Auf dem eisigen Schnee rutscht man leicht weg, was den Aufstieg kräftezehrend macht, aber wir schaffen es zum Skidepot. Von dort aus klettern wir auf Fels und Schnee den luftigen Grat entlang. An den ausgesetzten Stellen bekomme ich bei der Kletterei mit Skischuhen über den steilen Abhängen schon den ein oder anderen Adrenalinschub. Nach 20 Minuten sind wir oben. Der Gipfel der Dreiländerspitze ist wahnsinnig imposant. Er ragt als steiler Zacken an der Grenze zwischen Vorarlberg, Tirol und der Schweiz in den Himmel und bietet sagenhafte Ausblicke auf diese drei „Länder“ – wirklich ein besonderes Gipfelerlebnis.

Die Dreiländerspitze (3197m) mit ihrem unglaublichen Gipfel

Die Dreiländerspitze (3197m) mit ihrem unglaublichen Gipfel

Runter geht es wieder auf gleichem Wege zum Skidepot. Nachdem wir ein Stück abgefahren sind, fällt uns ein überwächteter Gipfel zwischen Ochsenkopf und Ochsenscharte auf, den wir noch zu Fuß erklimmen. Danach fahren wir entspannt zur Wiesbadener Hütte ab und genießen dort eine leckere Portion Kässpatzn.

Auf den Höchsten der Silvretta

Wiesbadener Hütte – Piz Buin (3312m) – Klostertaler Umwelthütte (2319m)

Die Wettervorhersage ist nicht optimal für das größte Vorhaben unserer Tour. Schlechte Sicht, ab Vormittags soll es schneien und erst am späten Nachmittag wieder aufreißen. Der Piz Buin, als höchster Berg von Vorarlberg, ist da schon eine anspruchsvolle Unternehmung. Tatsächlich sehen wir so gut wie nichts als wir früh morgens aus dem Fenster schauen. Nach einigem Überlegen entscheiden wir uns aber trotzdem loszugehen und den Plan je nach Verhältnissen anzupassen. Außer uns bricht heute niemand von der Wiesbadener Hütte auf. Mit Navigation über Offline Karten auf dem Smartphone finden wir zum Ochsentaler Gletscher und gehen von dort mit Seil gesichert weiter. Zunächst müssen wir oft die Karte konsultieren um den richtigen Weg am Rande des Gletschers einzuschlagen. Weiter oben wird der Gletscher flacher und unkomplizierter. Die Sicht ist zwar schlecht, aber es ist zumindest nicht sehr kalt und weniger windig als am Vortag. Wir gelangen zur Buinlücke, von wo wir noch ein paar steile Spitzkehren aufsteigen und dann unser Skidepot errichten. Im Schneetreiben fellen wir ab und stecken unsere Skier neben dem Rucksack in den Schnee, damit wir nachher alles wiederfinden.

Jetzt geht es noch 200 Höhenmeter mit Steigeisen über einen steilen Grat zum Gipfel weiter. Wir wühlen uns durch den minütlich tiefer werdenden Schnee nach oben. Hier und da müssen wir auch beherzt am Fels anpacken bis wir durch eine steile Rinne auf den etwas einfacheren Bergrücken darüber gelangen. Von hier geht es im Zickzack weiter hoch. Endlich sehen wir das Gipfelkreuz blass im Nebel auftauchen – wir haben es wirklich geschafft!

Markus schreibt schnell ins Gipfelbuch, dann stapfen und klettern wir vorsichtig durch den frisch gefallenen Schnee zurück. Das Abklettern am Grat ist bei so viel Neuschnee schon etwas heikel. Wie erwartet sind unsere Rücksäcke komplett eingeschneit, aber die Skier sind noch gut zu sehen. Von der Buinlücke queren wir ohne auffellen mit etwas Gewatschel zum Sattel Fuorcla dal Cunfin hinüber. Auf der anderen Seite fahren wir querend nach Nordwesten ab und laufen auf gleicher Höhe bleibend ohne Felle zum Silvrettagletscher hinüber. Hier bietet sich uns ein wunderbares Schauspiel als die Wolken das erste Mal an diesem Tag aufbrechen und die abendlichen Sonnenstrahlen auf die verschneite Landschaft fallen. Nach so einem harten Tag fahren wir besonders genussvoll im noch unverspurten Pulver die Hänge hinunter, während die Abendstimmung immer dramatischer wird.

Es steht uns jedoch noch eine Herausforderung bevor. Es gilt im steilen Gegenanstieg die Rote Furka zu überwinden. Im Dämmerlicht erreichen wir den Pass, fellen ab und setzen die Stirnlampen auf. Nun im Dunkeln fahren wir ins Klostertal hinab. Schon von weitem sehen wir durch die schwarze Nacht ein kleines Licht in der Ferne – die unbewirtete Klostertaler Umwelthütte hat schon andere Besucher. Und so werden wir verwundert von einer netten Gruppe Schneeschuhwanderer begrüßt, als wir über eine Stunde nach Sonnenuntergang in die bereits gemütlich beheizte Stube treten. Nach mehr als 12 Stunden auf Tour sind wir wohlbehalten angekommen und kochen erstmal vier Portionen Nudeln pro Person.

Übrigens: Auch im Sommer ist es ein tolles Erlebnis eine Hochtour auf den Piz Buin zu machen. Eine gute Tourenbeschreibung und hilfreiche Infos dazu könnt ihr bei Bergzeit finden: Normalweg Piz Buin

Silvretta Panorama

Klostertaler Umwelthütte – Knoten (3190m) – Silvrettahorn (3244m) – Galtür

Bei super Verhältnissen starten wir am nächsten Morgen zu unserem letzten Ziel. Über den Klostertaler Gletscher steigen wir höher, mit hervorragender Aussicht auf die spitzen Silvrettagipfel um uns herum. Die Bergwelt hier sieht wirklich beeindruckend und naturbelassen aus. Bemerkenswert ist, dass sich sogar einige der 3000er-Gipfel hier in einer Tagestour von der Bielerhöhe realisieren lassen – mehr Informationen darüber gibt es hier: https://www.silvretta-bielerhoehe.at/de/Aktiv/Skitouren

Am Ende des Gletschers angekommen steigen wir in steilen Spitzkehren auf den Gipfel des Knoten (3190m). Hier schnallen wir unsere Skier ab und folgen dem schmalen Grat Richtung Silvrettahorn. Man könnte von hier alternativ auch auf einfachem Wege die Schneeglocke besteigen. Wir müssen dagegen noch eine äußerst ausgesetzte, knifflige Stelle abklettern – hier ist Vorsicht geboten! Danach geht es auf steilem, aber unkompliziertem Grat zu unserem finalen Gipfel der Tour. Oben angekommen, erwartet uns ein tolles Panorama aller Gipfel die wir bis dahin bestiegen haben. Auch der Piz Buin baut sich mächtig vor uns auf und wir können kaum glauben, dass wir da am Vortag oben waren. Nachdem wir über den Grat zurück geklettert sind, bleibt uns noch der Genuss vom Gipfel bis zurück nach Galtür mit Skiern abzufahren. Die ersten 900 Höhenmeter über den Gletscher zurück zur Hütte sind eine pure Freude. Dort holen wir unsere Sachen ab und fahren mit gemächlicher Steigung weiter ab. Am Rande des beeindruckenden Silvretta Stausees laufen wir zur Bielerhöhe. Nun bleiben uns nur noch die 11km fahrend und schiebend hinunter ins Tal, bevor wir nach 4 Tagen wieder an unserem Ausgangspunkt angekommen sind.

Die Skidurchquerung der Silvretta war bisher meine schönste dieser Art

Die Skidurchquerung der Silvretta war bisher meine schönste dieser Art

Die Silvretta ist ein Traum für Skitouren im hochalpinen oder auch moderaten Bereich. Für mich war es die schönste Skidurchquerung in den Alpen, die ich bisher gemacht habe. Einige der Passagen, die ich in diesem Artikel beschrieben habe, sind anspruchsvoll und erfordern die richtige Ausrüstung und Bergerfahrung, daher informiere dich bitte vorher gut über die jeweiligen Routen. Informationen über aktuelle Verhältnisse und die vielfältigen anderen Freizeitangebote, die diese Region bietet, sind jederzeit auf der Website des Tourismusverbandes zu finden: https://www.silvretta-bielerhoehe.at/de

Wenn ihr Fragen oder Feedback habt, lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!